ADHS in Beziehung: Zwischen Nähe, Rückzug und Überreizung

Dr. Kate Repnik, Gestalttherapeutin i. A. und ADHS/Neurodivergenz Coach an der Tagung der Deutschen Vereinigung für Gestalt (DVG) über ADHS in Beziehungen. Von Hyperfokus bis Buntheit!

„Paardynamiken und Neurodivergenz“

Ein Resonanzartikel zum meinem  Fachvortrag auf der DVG-Tagung 2026 in Hamburg. Die öffentliche Version des Slide Decks findest du am Ende des Artikels.

Beziehung muss nicht stabil sein, sondern beweglich

Nach meinem Vortrag über Paardynamiken und Neurodivergenz bei der DVG Tagung in Hamburg ist etwas passiert, das mich noch immer bewegt: Viele Menschen kamen im Anschluss auf mich zu. Nicht nur, um fachlich etwas zurückzumelden. Sondern weil etwas in ihnen berührt war. Die Resonanz war wunderschön, ehrlich, bewegend und wertschätzend–anders als ich es von anderen Konferenzen oder Tagungen in der Wissenschaft bisher erlebt habe.

Vor über 80 Menschen durfte ich einfach Kate sein und dabei dieses wichtige Thema aus verschiedenen Perspektiven beleuchten: als Betroffene, als ADHS Coach, als Forscherin, als frischgebackene Gestalttherapeutin, als Mensch.

Es ging nicht nur um ADHS. Es ging um Beziehung und Kontakt. Um die Frage, wie wir mit einem Nervensystem lieben, streiten, Nähe suchen, Rückzug brauchen, überfordert sind, wiederkommen, uns erklären, uns verlieren — und uns manchmal wiederfinden.

Der Vortrag trug den Untertitel: Das bewegte und emotionale (Er-)Leben von Paaren mit ADHS. Und vielleicht liegt genau darin der Kern: Bei ADHS ist Beziehung oft nicht weniger möglich. Sie ist häufig bewegter. Schneller. Intensiver. Widersprüchlicher. Manchmal erschöpfender. Und oft: sehr lebendig.

Und deshalb möchte ich diesen ersten Artikel nicht als Zusammenfassung des Vortrags schreiben. Sondern als Resonanzraum für einen Gedanken, der im Vortrag offenbar viele berührt hat:


Vielleicht ist das zentrale Missverständnis, dass wir glauben, Beziehung müsse stabil sein.

ADHS im Kontakt: Nichts davon ist linear

Viele Beziehungsideale erzählen uns, dass gute Beziehung ruhig, konstant und verlässlich sein müsse. Natürlich brauchen Beziehungen Verlässlichkeit. Sicherheit. Wiederkehr. Ein Grundgefühl von: Ich bin nicht allein. 

Aber Beziehung ist nie wirklich statisch. Beziehung ist Bewegung und Beziehungen neurodivergenter Paare sind das Paradebeispiel von dynamischen Erleben.

Aus gestalttherapeutischer Perspektive lässt sich Kontakt (zu Menschen als auch Bedürfnissen) als Prozess verstehen: Etwas tritt in den Vordergrund, wird spürbar, will beantwortet werden. Ein Bedürfnis, eine Spannung, eine Sehnsucht, ein Impuls. Im besten Fall entsteht daraus Kontakt: mit mir selbst, mit dem anderen Menschen, mit der Situation. Danach kann sich etwas schließen, integrieren, beruhigen.

Bei ADHS wirkt dieser Prozess oft anders. Anstatt einer Welle (also einem Bedürfnis/Impuls) öffnen sich mehrere Wellen parallel (ähnlich, wie deine Tausende Broswertabs) und dem System fällt es zunehmend schwer zu entscheiden: Welchem Bedürfnis soll ich zuerst nachgehen? Es will also zu viel gleichzeitig in den Kontakt mit dir.

(Ein kleines Beispiel aus dem Hier und Jetzt in dem ich diesen Artikel schreibe: Während dem Schreiben fällt mir gleichzeitig auf, dass irgendwo in der Nachbarschaft ein Kind Flöte spielt und ich erinnere mich an die Zeit in der Grundschule, als ich Flöte lernte. Auf der Terrasse sitzend sehe ich zwei Eidechsen herumsuchen, die sich bei uns hier sehr wohl fühlen. Meine kindliche Neugierde ist entzückt. … und noch unzählige weitere Beobachtungen und Sinnesreize, die ich nicht so gut wegfiltern kann – das möchte ich aber auch nicht. Und nun zurück zum Thema…)

Doch nicht immer kann man diese Impulsdichte liebevoll genießen. Oft sind es eben: Zu viele Reize. Zu viele innere Bewegungen. Zu viele Gedanken. Zu viele Gefühle. Zu viele mögliche Bedürfnisse. Zu viel Außen. Zu viel Innen. Zu viel Gleichzeitig. Das erfordert extrem viel Selbstregulation. Und dann ist da noch ein anderer MENSCH…

Dann wird die Frage in Beziehung nicht nur:

Was brauche ich?

Sondern:

Was brauche ich zuerst?
Was gehört mir?
Was gehört dir?
Was gehört dem alten Schmerz?
Was gehört zum aktuellen Moment?
Und wie bleibe ich in Kontakt, ohne mich selbst zu verlieren?


Warum Menschen mit ADHS sich gleichzeitig nach Nähe sehnen und Angst davor haben

Viele Menschen mit ADHS haben eine tiefe Sehnsucht nach echtem, authentischen und unmaskiertem Kontakt. Nach Gesehenwerden, Lebendigkeit und Resonanz. Sie sehnen sich nach einem Gegenüber, das nicht sofort beschämt, korrigiert, pathologisiert oder überfordert reagiert.

Gleichzeitig kann genau dieser Kontakt überwältigend sein, vor allem für neurotypische Menschen.

Nähe bedeutet nicht nur Geborgenheit und Sicherheit. Für das Nervensystem von ADHSler*innen ist Nähe manchmal auch gefährlich. Nähe bedeutet nämlich auch Reize, Erwartungen, Verantwortung, Unmittelbarkeit, und potenzielle Zurückweisungen und Missverständnisse. Vielen Betroffenen wird auch in intimen Beziehungen gespiegelt: “Ich bin zu viel. Ich bin nicht richtig. Ich muss mich ändern.”

So entstehen in Beziehungen mit ADHS häufig intensive Bewegungen zwischen:

  • Nähe und Rückzug

  • Verschmelzung und Autonomie

  • Hyperfokus und Langeweile

  • Verständnis suchen und sich unverstanden fühlen

  • Spontaneität und Überforderung

  • Selbstkontakt und Fremdkontakt

Von außen kann das chaotisch wirken. Widersprüchlich. Instabil.

Von innen ist es oft der Versuch eines Nervensystems, Beziehung und Selbstregulation gleichzeitig zu halten.

ADHS und Partnerschaft: Warum Neurodivergenz nicht beziehungsunfähig macht

Mir ist wichtig: ADHS bedeutet nicht, beziehungsunfähig zu sein.

Beziehungen stellen für ein neurodivergentes Nervensystem, das bereits im Overdrive daran arbeitet sich zu regulieren, eine zusätzliche Variable, die es zu regulieren gilt.

Für diese Art der relationalen Regulation gibt es – oft aufgrund schlechter Beziehungserfahrungen in der Vergangenheit (Elternhaus, Mobbing, …)– keine funktionierenden, inneren “Regeln”. Oft versuchen Betroffene umzusetzen, “was man eben über Beziehungen gelernt hat”, aber das passt meistens nicht zum eigenen Erleben. So wird der Kontakt schnell anstrengend und Leichtigkeit bleibt auf der Strecke:

Die innere ADHS-Regulation ist:

Manchmal schneller. Manchmal impulsiver. Manchmal intensiver. Manchmal mit mehr Umwegen. Manchmal mit mehr Rückzug. Manchmal mit mehr Reparaturbedarf. Manchmal mit mehr Humor. Mehr Kreativität. Mehr Spiel. Mehr Direktheit. Mehr Sehnsucht nach Echtheit.

Das Problem ist nicht die Intensität an sich. Das Problem entsteht, wenn es kein gemeinsames Verstehen für diese Intensität gibt und die Flexibilität innerhalb der Beziehung “einrostet”.

Wenn Rückzug nur als Ablehnung gelesen wird.
Wenn Überforderung nur als Desinteresse gelesen wird.
Wenn Impulsivität nur als Respektlosigkeit gelesen wird.
Wenn Masking als Nähe missverstanden wird.
Wenn Anpassung als Funktionieren gefeiert wird, obwohl darunter Selbstverlust liegt.

Dann wird Beziehung zum Ort, an dem alte Verletzungen wieder wach werden.

Aber Beziehung kann auch der Ort werden, an dem neue Erfahrungen möglich werden.

Nicht, weil Liebe ADHS „heilt“.
Nicht, weil der richtige Partner alles reguliert.
Nicht, weil Beziehung plötzlich einfach wird.

Sondern weil Kontakt bewusster werden kann.


Neurodivergenz, Dynamik und emotionale Überreizung in Beziehungen

Wir brauchen für ADHS und Beziehung weniger starre Ideale und mehr Sprache für Bewegung. In meinem Verständnis entsteht Beziehung aus zwei Wellen im Kontakt, die manchmal synchron fließen, manchmal asynchron und manchmal phasenverschoben.

Eine Beziehung mit ADHS ist nicht automatisch dysfunktional, nur weil sie dynamisch ist. Nicht jede Kontaktunterbrechung ist Vermeidung. Nicht jeder Rückzug ist Lieblosigkeit. Nicht jede Intensität ist Drama. Nicht jede Welle muss sofort geglättet werden.

Vielmehr geht es darum, gemeinsam langsamer zu werden, um die Welle mitzubekommen.

Zu fragen:

  • Was passiert gerade im Nervensystem?

  • Wo verliere ich den Kontakt zu mir?

  • Wo versuche ich, Verständnis zu erzwingen?

  • Wo maskiere ich, statt mich zu zeigen?

  • Wo brauche ich Raum, aber nutze ihn nicht wirklich für Selbstkontakt?

Das ist für mich eine der großen Stärken gestalttherapeutischen Denkens in der Arbeit mit ADHS: Es fragt nicht nur nach Symptomen. Es fragt nach Kontakt. Nach Feld. Nach Unterbrechungen. Nach Bewusstheit. Nach dem Körper im Hier und Jetzt. Und das ist bei ADHS zentral.

Denn viele Betroffene leben sehr viel im Kopf — nicht, weil sie keinen Körper haben, sondern weil der Körper oft so viel spürt, dass es bedrohlich werden kann, wirklich dort anzukommen.

Kontakte und Beziehungen bieten Chancen, sich selbst besser kennenzulernen. 


Was neurodivergente Paare bei ADHS wirklich brauchen

Paare, bei denen ADHS eine Rolle spielt, brauchen nicht nur bessere Kommunikation. Sie brauchen ein gemeinsames Verständnis dafür, dass Kommunikation selbst schon Regulation verlangt.

Sie brauchen Räume, in denen beide wieder unterscheiden können:

Was ist mein Impuls?Was ist dein Impuls?Was ist unser Feld?Was ist alte Verletzung?Was ist aktuelles Bedürfnis?

Sie brauchen Erlaubnis für Selbstkontakt, ohne dass der Rückzug sofort als Beziehungsabbruch gelesen wird.

Sie brauchen Sprache für Überreizung, ohne dass diese als Vorwurf verstanden wird.

Sie brauchen Humor, wenn möglich. Struktur, wenn nötig. Reparatur, immer wieder.

Und sie brauchen die tiefe Entlastung, dass ADHS nicht bedeutet, in Beziehung falsch zu sein.

Sie dürfen ihre eigenen SPIELregeln erfinden, wobei der Fokus auf dem Wort “Spiel” liegt, denn eine der größten Ressourcen in ADHS-Beziehungen ist die unkonventionelle spielerische Buntheit. 



ADHS, Beziehung und die Kunst, in Kontakt zu bleiben

Beziehung bedeutet nicht, die eigenen inneren Wellen zugunsten des Partners zu nivellieren.

Beziehung bedeutet, diese Wellen bei sich und seinem Gegenüber zu erforschen – wenn möglich in liebevoller Neugier und Verständnis.

Womöglich ist Beziehung die Fähigkeit, in Bewegung wieder Kontakt zu finden.

Mit mir.Mit dir.Mit dem, was gerade zwischen uns entsteht.

Und vielleicht liegt genau dort eine andere, neuroaffirmative Sicht auf ADHS und Partnerschaft:

Nicht: Wie vermeiden wir die Wellen?

Sondern:

Wie lernen wir, in ihnen in Kontakt zu bleiben? Immer und immer wieder.


Weiterführend

Die öffentliche Kurzversion der Vortragsfolien zu „Paardynamiken und Neurodivergenz“ ist hier eingebettet/verlinkt.

Etwa 1 von 5 Menschen ist neurodivergent, jede 20. Person lebt mit ADHS. ADHS zählt somit zu einer Neurominorität – einer kleinen, aber wirkmächtigen Minderheit, die an der gängigen Vorstellung von „Normalität“ rüttelt.

Dieses Beben berührt auch neurodivergente Beziehungen. Ich werfe einen hoffnungsvollen Blick auf ADHS in der Partnerschaft:

– Wie lässt sich Beziehung gestalten, wenn beide Partner*innen von ADHS betroffen sind?

– Wie ist das Erleben von neurotypischen Partner*innen?

– Und welche Stärken bringt ADHS in die Liebe?

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Für Vorträge, Workshops oder Weiterbildungen zu ADHS, Neurodivergenz, Beziehung und gestalttherapeutischer Perspektive:

Dr. Kate Repnik

Gestalttherapeutin i. A. · ADHS-Coach & Educator

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ADHD Coaching for creative and successful women

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ADHS: Hyperfokus, Hyperfixation und deren Dauer